Die EU will in zehn Jahren 20 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen. Ist dieses Ziel ehrgeizig genug?
GERD ROSENKRANZ: Ja, und es ist auch erreichbar. Wenn sich eine Dynamik einstellt, die das Ziel übertrifft, ist das umso besser.
EU-Kommissar Oettinger will die Förderung erneuerbarer Energien in Europa harmonisieren.
ROSENKRANZ: Das ist brandgefährlich. Das Ziel der EU wie der großen Energiekonzerne ist, nur dort Solaranlagen oder Windräder zu fördern, wo besonders viel Sonne scheint oder Wind bläst. Das würde für Deutschland bedeuten, dass der Ausbau ins Stocken gerät. Es kommt aber nicht darauf an, dass bei uns gebremst wird, sondern der Ausbau dort beschleunigt wird, wo erneuerbare Energien noch günstiger Strom produzieren. Sonst werden die Ziele in Europa nicht erreicht.
Die Schwankungen bei der Produktion von Wind- und Sonnenstrom müssen ausgeglichen werden. Welche Strukturen sind notwendig?
ROSENKRANZ: Wir brauchen ein ganz neues Energiesystem, wenn wir bis 2050 im Strombereich auf achtzig Prozent erneuerbare Energien umstellen wollen. Dazu gehört ein europäisches Verbundnetz. Es verringert die Zahl und Größe der notwendigen Stromspeicher. Grob gesagt: Ein europäisches Netz reduziert die Speicherkapazität auf die Hälfte. Ansonsten muss sich das Stromnetz an den künftigen stärker dezentralen Strukturen orientieren, nicht an dem alten System mit wenigen Großkraftwerken.
Viele Bürger können sich eine solche Stromversorgung nicht vorstellen. Da weht mal kein Wind, es scheint keine Sonne. Was passiert dann?
ROSENKRANZ: Wir wollen und können den Umstieg nicht von heute auf morgen erreichen. Das ist eine Generationenaufgabe. Wir brauchen für eine Übergangszeit einen konventionellen Kraftwerkspark, der sich an Windflauten und an bewölkte Tage rasch anpassen kann. Das sind in Zukunft Gas- und aktuell noch die bestehenden Kohlekraftwerke. Dann müssen wir aber den Übergang schaffen zu großen Speichern und intelligenten Netzen. Zu den Speichern zählen Pumpspeicheranlagen. Man kann künftig auch das Erdgasnetz zum Speichern von regenerativem Methangas nutzen. Dieses wird aus überschüssigem Wind- oder Solarstrom erzeugt. Diese neue Technologie wird zurzeit auch in Baden-Württemberg entwickelt.
Die Regierung kürzt die Vergütung für Solarstrom. Bremst sie zu sehr?
ROSENKRANZ: Es fällt auf, dass die Regierung zuerst die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert und dann bei Solarstrom kürzt. Die Vergütung war aber überhöht. Die Kürzungen sind daher im Prinzip richtig. Allerdings darf man dabei nicht überziehen, um Planungssicherheit zu gewährleisten. Die braucht die Photovoltaikindustrie, sonst fährt eine Branche, die man mit viel Geld aufgebaut hat und in der Deutschland technologisch vorne dran ist, an die Wand. Die Folge: Solarzellen kommen nur noch aus China oder anderen Schwellenländern.
Kritiker halten die Anreize im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für falsch. Sehen Sie das auch so?
ROSENKRANZ: Da gibt es im Detail Probleme. Aber es handelt sich hier um ein lernendes Gesetz, das an die technische Entwicklung angepasst wird. Im Prinzip ist das EEG das weltweit erfolgreichste Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien.
Quelle:swp.de